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Umgebungsstrahlung (1) – was uns jeden Tag bestrahlt

Ich starte mit diesem Artikel eine lose Folge zum Thema Umgebungsstrahlung, die sich aus Projekten und Messungen ergeben. Den Anfang sollen hier einige allgemeine Informationen machen, die auch für das weitere Verständnis notwendig sind.

Wenn ein Geigerzähler tickt, zählt er Zerfälle aus verschiedenen Ursprüngen, die sich zur Gesamt-Flussdichte von rund 10 bis 15 Teilchen pro cm² und Minute überlagern. Wer verstehen will, woher dieses Grundrauschen kommt, muss mehrere Quellen getrennt betrachten.

Kalium-40 – der Dauerbrenner in Wänden und im Menschen

Kalium-40 ist ein primordiales Radionuklid, mit einer Halbwertszeit von 1,25 Millionen Jahren. Rund 89,5 % der K-40-Atome gehen über β⁻-Zerfall in Calcium-40 über – ein Neutron wird zum Proton, ein Elektron und ein Antineutrino werden frei. Die restlichen 10,5 % zerfallen über Elektroneneinfang zu Argon-40 und emittieren dabei die charakteristische Gammastrahlung – die prominenteste Linie, die Geigerzähler und Gammaspektrometer in jedem Wohnhaus nachweisen können.

Kalium-40 steckt nicht nur im Baumaterial. Der menschliche Körper enthält etwa 0,2 % Kalium (Massenanteil), davon 0,0117 % als K-40 – bei 70 kg sind das insgesamt rund 4–5 g Kalium – davon etwa 1,6 mg K-40. Pro Kilogramm Körpermasse liegt die K-40-Aktivität bei rund 60 Becquerel.

Im Gebäude. Baustoffe wie Beton, Ziegel, Granit und Gips enthalten winzige Mengen an natürlichem Kalium – und damit K-40. Ein typisches Wohnhaus liefert dadurch 5 bis 10 Teilchen pro cm² und Minute aus Wänden, Decken und Boden. Das ist der Löwenanteil der terrestrischen Komponente.

Im Menschen. Die β⁻-Elektronen aus dem körpereigenen K-40 haben im Gewebe nur eine Reichweite von wenigen Millimetern und deponieren ihre Energie direkt vor Ort – also im Köper selbst. Nur die Gammastrahlung aus dem Elektroneneinfang tritt nach außen. K-40 liefert etwa 0,15–0,2 mSv pro Jahr aus der Nahrungsaufnahme – ein nennenswerter Anteil der natürlichen Gesamtdosis. Bei Säuglingen ist der Beitrag höher, weil ihr Kaliumstoffwechsel dichter ist.

Konsequenz für die Messung. Wer mit einem Geigerzähler eine Person „misst“, misst nicht nur die Umgebung, sondern ein Stück der Person selbst. Die 1461 keV-Linie der Gammastrahlung ist im Spektrum eines jeden Lebewesens vorhanden – der prominenteste Peak neben dem kosmischen Untergrund. In der Forensik und bei Strahlenschutz-Kalibrierungen ist das ein bekannter Störfaktor: die Person selbst trägt zur gemessenen Umgebungsstrahlung bei.

Radon – das Edelgas aus dem Boden

Uran-238 zerfällt über eine lange Reihe bis zum stabilen Blei. Irgendwann in dieser Kette entsteht Radium-226 (1600 Jahre Halbwertszeit), das selbst weiter zerfällt und dabei das radioaktive Edelgas Radon-222 (3,8 Tage Halbwertszeit) freisetzt. Radon steigt aus dem Baugrund auf und sammelt sich in schlecht belüfteten Räumen.

Anders als das Edelgas selbst sind seine Folgeprodukte fest: Polonium-, Wismut- und Bleiisotope. Sie heften sich an Aerosole in der Raumluft und werden eingeatmet. Alpha- und Betateilchen aus dieser Quelle tragen 2 bis 5+ Teilchen pro cm² und Minute zum Detektor bei – stark schwankend, abhängig von Lüftung und Kellerlage. Wegen seiner kurzen Reichweite in Luft (wenige Zentimeter) sieht ein offenes Zählrohr mit Glimmerfenster deutlich mehr davon als ein dickwandiges Gehäuse.

Radon ist dosisrelevant, weil es inhaliert wird und die festen Folgeprodukte direkt auf der Bronchialschleimhaut zerfallen.

Kosmische Strahlung – Myonen von oben

Hochenergetische Protonen aus dem Weltraum treffen auf die obere Atmosphäre und erzeugen in einer Teilchenkaskade Pionen. Diese zerfallen in Myonen – schwere, durchdringende Verwandte des Elektrons. Auf Meeresniveau kommen, fast ungehindert durch das Dach des Hauses, etwa 1 Myon pro cm² und Minute an. Sie bilden das konstante Grundrauschen, das sich auch durch Abschirmung kaum verringern lässt.

Auf Reiseflughöhe (10-12 km) steigt der Fluss auf 20 bis 50 Teilchen pro cm² und Minute, im Erdorbit auf einige Hundert bis Tausend. Das ist der Grund, weshalb Flugpersonal und ISS-Crews eine messbar höhere Dosis akkumulieren als Menschen am Boden.

Teilchenfluss – die Maßeinheit des Geigerzählers

Was ein Detektor anzeigt, ist eine Flussdichte: die Anzahl geladener oder ungeladener Teilchen, die pro Fläche und pro Zeit durch eine Messfläche treten. Die Einheit ist Teilchen pro cm² und Minute, oft kurz „Flux“ genannt.

UmgebungTeilchenfluss pro cm² und MinuteTypische Quelle
Erdoberfläche~1kosmische Myonen
Erdgeschoss, Wohnhaus10–15+K-40, Radon-Folgeprodukte, Myonen
Reiseflughöhe 10–12 km20–50kosmische Sekundärteilchen
Erdorbit (ISS)einige 100–1000galaktische Strahlung, Sonnenteilchen
Medizin-Linac (im Strahl)10⁹+therapeutische Photonen/Elektronen

In einem gewöhnlichen Wohngebäude setzt sich der Gesamt-Fluss aus den vorgestellten Quellen zusammen: ~1 Myon von oben, 5–10 γ-Quanten aus den Wänden, 2–5+ α/β-Teilchen aus der Raumluft. Im Keller kann der Radon-Anteil bei schlechter Belüftung drastisch höher liegen – dann dominiert eine einzige Quelle das Ergebnis.

Weitere Beiträge – die langlebigen Reihen und das Kosmogene

Die U-238- und Th-232-Zerfallsreihen liefern über kurzlebige Nuklide (Bi-214, Pb-214, Tl-208, Ac-228) zusätzliche Gammastrahlung – im Detektor bereits in der terrestrischen Komponente enthalten. Wichtigster langlebiger Lungenkandidat nach Rn-222 ist Pb-210 (22 Jahre Halbwertszeit).

Daneben gibt es primordiale Radionuklide außerhalb der Reihen – Rubidium-87, Lutetium-176, Samarium-147. Sie alle sind extrem langlebig und extrem schwach – für die Dosis spielen sie keine Rolle.

Kosmogene Nuklide entstehen laufend in der Atmosphäre: Beryllium-7 (γ, 53 Tage Halbwertszeit) ist nach Regenfällen messbar, Tritium und Kohlenstoff-14 sind allgegenwärtig, aber dosisbeitragend winzig.

Anthropogene Spurenstoffe – Cäsium-137 und Strontium-90 aus dem Fallout der 1960er Jahre und von Tschernobyl – sind in mitteleuropäischen Böden noch nachweisbar, machen aber unter 1 % der natürlichen Dosis aus.

Dosisverteilung in Mitteleuropa

Quelleca. Anteil
Radon (Inhalation)~40 %
Terrestrische γ (K-40, U/Th-Reihen)~20 %
Kosmische Strahlung~15 %
Nahrung (K-40, Pb-210, C-14)~15 %
Medizin / Streustrahlung~10 %

Gesamt: rund 2 bis 3 mSv pro Jahr – eine Größenordnung, in der das Leben seit Milliarden Jahren stattfindet und evolutionär kein Schutzmechanismus nötig war.

Flussdichte ist nicht Dosis

Wer nur die Anzahl der Teilchen zählt, übersieht die biologische Wirkung. α-Strahlung gibt ihre Energie auf wenigen Mikrometern ab und richtet dabei erheblichen Schaden an, wenn sie im Gewebe deponiert wird. β- und γ-Strahlung verteilen ihre Energie über größere Volumina. Die Einheit Sievert berücksichtigt diese Unterschiede über einen Wichtungsfaktor (≈ 20 für α, 1 für β und γ).

Ein einzelner Radon-Zerfall in der Lunge kann lokal die gleiche Dosis erzeugen wie viele hundert kosmische Myonen, die den Körper durchdringen. Die Teilchenanzahl sagt nichts über das Risiko – sie sagt nur, wie viel der Detektor sieht.

Hintergrund als Konstante

Was ein Geigerzähler in einem normalen Wohnhaus misst, ist keine Kontamination. Es ist der Zustand der Erde, gemessen in einem Medium aus K-40-haltigen Steinen, Radon aus dem Boden und Myonen aus der Atmosphäre. Die natürliche Untergrenze war schon da, bevor der erste Mensch einen Ziegel auf den anderen stapelte.

Variation kommt aus zwei Richtungen: geologisch (Granitboden statt Sand, Keller statt Dachgeschoss) und persönlich (Flugreisen, Lüftungsverhalten). Beides bewegt sich innerhalb derselben Größenordnung – und genau das macht Umgebungsstrahlung zu dem, was sie ist: Hintergrund, nicht Ereignis.